Normalerweise läuft Naturwissen ja gerne so: Das hier ist eine Wespenspinne. Das dort eine Binsenschmuckzikade. Bitte merken.

In unserem 3-tägigen Sommerferienprogramm im August wollten wir ausprobieren, was passiert, wenn wir die Reihenfolge umdrehen. Wie würde zum Beispiel eine Nacktschnecke heißen, wenn noch niemand ihr einen Namen gegeben hätte? 

Erst einmal gucken

Aber erst einmal mussten wir herausfinden: Wer lebt da eigentlich mit uns? Wir haben zwischen Blättern und Blüten gesucht, auf dem Boden und zwischen den Halmen. Und dann: Was fällt mir auf? Wie bewegt sich das Tier? Welche Farben hat es? Wo könnte es wohnen?

Spinnen und anderes Krabbelgetier hatten es zu Beginn nicht bei allen leicht. Aber es ist erstaunlich schwierig, sich weiter vor einem Tier zu ekeln, wenn man sich gerade überlegt, wo es wohnt, was es gerne frisst und ob es vielleicht Freunde hat.

Aus „Iiiih!“ wird interessant

Also wurde genauer hingeschaut. Und noch einmal. Und irgendwann waren aus den Krabbeltieren Wesen geworden, über die die Kinder ziemlich viel wissen wollten. Am Ende waren eine Wespenspinne und die Larve einer Binsenschmuckzikade die unangefochtenen Stars.

Nicht als gruselige Tiere, sondern als Bewohner unseres Ackers, die vorsichtig behandelt und geschützt werden sollen.

„Aber ich kann gar nicht malen!“

Nach dem Beobachten kam die große Leinwand. Jedes Kind sollte ‚sein‘ Wesen malen – und dafür noch einmal ganz anders hinschauen. Aber eine große weiße Leinwand kann ganz schön einschüchternd sein. Vor allem, wenn das Bild im Kopf schon perfekt aussieht und die eigene Hand davon noch nichts weiß.

Also haben wir mitgemalt. Und ziemlich schnell war klar: Auch die Erwachsenen produzieren nicht mal eben naturkundliche Meisterwerke. Aber darum ging’s ja auch gar nicht. Wir wollten genau hinschauen. Welche Farbe hat dein Wesen? Welche Form fällt dir auf? Was gehört unbedingt aufs Bild?

Ein Anfang war gemacht. Der Rest kam dann erstaunlich schnell. Und irgendwann war auch gar nicht mehr so wichtig, ob eine Wespenspinne auf der Leinwand genauso aussah wie eine Wespenspinne im Bestimmungsbuch. Viel wichtiger war, dass das Kind hinter dem Bild ganz genau wusste, wer da zu sehen war.

Und wie heißt du nun wirklich?

Erst jetzt kamen die echten Namen dazu. Wir haben nachgeschaut, verglichen und mehr darüber erfahren, wen die Kinder da eigentlich entdeckt hatten. Plötzlich war ein Name aber nicht mehr bloß ein schwieriges Wort, das man sich merken sollte. Er gehörte zu einem Wesen, das man schon kannte. Genau das hatten wir uns gewünscht, als wir das Ferienprogramm geplant haben.

Können wir nicht einfach hierbleiben?

Zwischendurch wurde natürlich nicht nur geforscht und gemalt. Es wurde über den Acker gestreift, Gemüse geerntet, gegessen, gespielt – und schon am ersten Tag kam eine Frage auf: „Können wir nicht hier übernachten?“

Leider nein. Aber ein schöneres Kompliment hätten wir für unsere Umweltbildung kaum bekommen können. Was ihnen besonders gefallen hat? Das freie Erkunden, der Platz zum Bewegen und die Möglichkeit, eigene Ideen zu verfolgen. Unter anderem die, irgendwann „in der Wildnis überleben“ zu können. Naja, man weiß ja nie.

Und so sollte doch ein Lernort sein, ein Raum für Fragen, auf die nicht sofort jemand eine Antwort liefert.

Und dann wurde der Acker zur Galerie

Am letzten Tag wurde aus dem Acker eine Ausstellung. Die Leinwände standen auf Staffeleien mitten in all dem Grün und die Kinder führten ihre Familien durch die Ausstellung. Sie stellten ihre Wesen vor und erzählten, was sie in den drei Tagen über sie herausgefunden hatten.

Uns hat diese kleine Ackergalerie so gut gefallen, dass wir sie am 5. September bei unserem großen Aktionstag gleich noch einmal aufgebaut haben. Und wieder waren Kinder dabei, die unseren Besucherinnen und Besuchern zeigten, was sie entdeckt und gemalt hatten.

Danke an die BürgerStiftung Hamburg

Drei Tage sind ziemlich kurz. Aber lang genug, damit aus einem unbekannten Krabbeltier ein Liebling werden kann. Und aus „Ich kann nicht malen“ ein ziemlich großes Bild. Dass die Kinder dafür drei Tage lang suchen, ausprobieren, erfinden und entdecken konnten – und dass die Teilnahme für alle kostenfrei war –, hat die Förderung durch den Gemeinschaftsfonds „Hamburger Spielräume“ der BürgerStiftung Hamburg möglich gemacht.

Vielen Dank für die Unterstützung und das Vertrauen in unsere Arbeit!

Und an unsere Naturdetektivinnen und Naturdetektive: Danke fürs genaue Hinschauen.

Und: Die Sache mit dem Übernachten überlegen wir uns nochmal.